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Ein Leben unabhängig vom Stromnetz – dabei Ressourcen wiederaufbereiten und direkt vor Ort erzeugen: Seit zwei Jahren beweisen René Reist und Amélie Böing mit dem Projekt «Tilla», dass die Energieziele 2050 bereits heute realisierbar sind.

Auf einer Wiese im zürcherischen Au steht die «Tiny Villa», von ihren Besitzern liebevoll «Tilla» genannt. Von aussen kann man sich nur schwer vorstellen, dass hier eine junge Familie mit zwei Kindern und Hund ihren Alltag lebt. Doch sobald man den Wohnraum betritt, wird klar: Das kleine Häuschen bietet Platz für alles Notwendige und wirkt trotzdem erstaunlich geräumig – und vor allem gemütlich. Solche auch «Tiny Houses» genannten Kleinsthäuser liegen im Trend, doch um Trends geht es den beiden keinesfalls: «Der Kerngedanke unseres Projekts hat an sich nichts mit der Grösse des Hauses zu tun. Tilla ist lediglich eine mögliche Form dessen, was wir uns unter einem nachhaltigen Zusammenleben vorstellen.»

Ein mobiles Eigenheim

Wie aber kam es dazu? René Reist erzählt: «Am Anfang stand das Ziel, eine bezahlbare Wohnform zu finden, die unseren Vorstellungen entspricht. Naturnah und ressourcenschonend sollte es sein. Dabei wollten wir möglichst viel selbst mitgestalten.» Ein weiterer Anspruch der beiden war, dass das künftige Zuhause mobil sein sollte – so, dass man damit ohne grossen Aufwand alle paar Jahre den Standort wechseln und damit braches Bauland zwischennutzen kann. Die Lösung ist ein Lastwagenanhänger, der als Fundament für das eigentliche Tiny House dient. Das hat neben der Mobilität einen zusätzlichen Vorteil: Sämtliche Teile sind standardisiert – Ersatzteile sind daher einfach zu bekommen und kleinere Wartungsarbeiten können selbst erledigt werden.

Solarstrom vom Dach

Sämtlichen Strom, den die junge Familie zum Leben braucht, stammt aus der eigenen 3-kWp-Photovoltaikanlage auf dem Dach. Die zehn südseitig ausgerichteten Solarpanels liefern zu jeder Jahreszeit genügend Energie für den Kühlschrank, die Haustechnik und für die elektronischen Geräte. «Der Strom reicht sogar dann aus, wenn es im Winter zehn Tage lang durchgehend bewölkt ist.» Überschüssiger Strom wird dabei in einem Warmwasserbehälter gespeichert – so kann an kalten, aber sonnigen Tagen sogar mit Solarenergie geheizt werden.

  • «Tiny» heisst winzig – doch in dem clever eingerichteten Häuschen findet alles seinen Platz.
    «Tiny» heisst winzig – doch in dem clever eingerichteten Häuschen findet alles seinen Platz.

Alles bewusst im Überblick

Via Smartphone-App hat René Reist jederzeit den Überblick über Batteriestand, Solarertrag und den allgemeinen Stromverbrauch. Darin sieht er auch gleich ein grosses Potenzial: «Unsere Gesellschaft funktioniert so, dass Strom immer und überall verfügbar ist. Kaum jemand weiss, wie viel Strom er eigentlich im Alltag verbraucht.» Seit er das jederzeit nachprüfen kann, habe er ein viel besseres Gefühl für die Zusammenhänge: «Heute weiss ich recht genau, welches Gerät wie viel Strom benötigt. Und solche Systeme sind problemlos in eine moderne Haussteuerung integrierbar.»

Auch im Winter kuschlig warm

In den kälteren Monaten wird die Solarheizung durch einen wassergeführten Holzofen unterstützt. Darin wird Wasser erhitzt und anschliessend in die Radiatoren gepumpt oder im Warmwasserbehälter gespeichert. Anders als bei einem gewöhnlichen Holzofen bleibt damit die Raumtemperatur über lange Zeit stabil. Laut René Reist liegt der Holzverbrauch bei etwa 2 Ster pro Winter – das entspricht ungefähr 840 kg. Selbstverständlich stammt das Holz aus regionalem und nachhaltigem Anbau. Und ist der Ofen erst mal eingeheizt, wird darauf gekocht. Zusätzlich gibt es aber auch einen gasbetriebenen Herd – ein Kompromiss, über den René Reist nicht ganz glücklich ist: «Wenn ich den Herd elektrisch betreibe, verbrauche ich zu viel Strom. Ausschliesslich auf Feuer zu kochen wollen wir uns nicht antun, darum der Gasherd.» Aber auch dafür ist schon eine Lösung angedacht: Künftig soll es möglich sein, mittels eigenem Biogasreaktor aus Grünabfällen Methan herzustellen und damit zu kochen.

Das Abwasserproblem ist geklärt

Eine weitere Besonderheit der Tiny Villa ist der Umgang mit Abwasser, denn auch das wird vor Ort mittels einer Grünkläranlage aufbereitet. In der speziellen Trockentrenntoilette werden Fäkalien und Urin separiert – ersteres wird kompostiert und zu Humus verarbeitet, zweiteres zusammen mit dem Grauwasser in einen bepflanzten Abwasserfilter geleitet. Trotzdem verfügt die Tilla über einen Kanalisationsanschluss, wenn auch nicht ganz freiwillig. Denn obwohl es sich eigentlich um eine Mobilie handelt, fällt sie unter das Immobiliengesetz. Die Konsequenz: Für etwa 20‘000 Franken musste ein Anschluss ans Abwassersystem erstellt werden. Damit ist die ganze Abwassertrennung im Prinzip ein reiner Mehraufwand. Umso deutlicher wird, dass es René Reist um mehr geht als seinen persönlichen Alltag. Er sieht das Ganze eher als Forschungsprojekt: «Natürlich hoffe ich, dass die Erkenntnisse aus solchen Experimenten letztlich auch den Weg bereiten für Änderungen auf gesetzlicher Ebene.»

Eine klare Vision

Bis Kleinwohnformen wie die Tilla in der Schweiz politisch anerkannt sind, gibt es noch viel zu tun. Ein wichtiges Ziel hat die Familie aber erreicht: Ihr Projekt zeigt, dass das Erfüllen der vom Bund verabschiedeten Energieziele 2050 bereits heute möglich ist – und das ohne grosse Komforteinbussen. «Viele meinen, das sei eine Frage der technologischen Entwicklung. Dabei ist die nötige Technik längst vorhanden. Und diese Erkenntnisse, die wir hier im kleinen Rahmen gewinnen, sind letztlich problemlos auch in grösseren Wohnobjekten umsetzbar.»

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08. Juni 2020
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